Echos Neuerscheinungen

„SOKRATES IM WALD“ 

Zwischenleben

2019 / 211 Seiten /  im BoD. D-Norderstedt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Reussbote, Lokalzeitung, Mellingen, 6. Sept. 2019, Nathalie Wolgensinger:

August G. Holstein ist Schriftsteller und wohnhaft in Fislisbach. Das Schreiben ist für ihn ein Mittel zum Denken. Der präzise Beobachter des Alltags bringt mit „Sokrates im Wald“ einen neuen Roman auf den Markt. Er gibt Einblicke in das Leben eines Pensionierten. (unter Kopfseite der Zeitung)

 

Fislisbach: Der Schriftsteller August Guido Holstein präsentiert mit „Sokrates im Wald“ einen weiteren Roman.

 

DIE WELT MIT ANDEREN AUGEN BETRACHTEN

Für August Guido Holstein ist das Schreiben ein Mittel zum Denken. Der präzise Be-obachter des Alltags bringt mit „Sokrates im Wald“ einen neuen Roman auf den Markt. Mit einer feinen Prise Humor versehen, gibt er Einblick in das Leben eines Pensionierten.

 

„Schreiben ist eine Erweiterung des Lebens“, sagt August Guido Holstein, lächelt, lehnt sich zurück und lässt die Worte setzen. Der 84-Jährige spricht wie er schreibt: Präzise. Da ist kein Wort zu viel. Das macht die Lektüre seiner Romane anspruchs-voll. Als abendliches „Bettmümpfeli“ kann man die Kurzgeschichten in seinem neuen Roman „Sokrates im Wald“ nicht lesen, zu dicht und anspruchsvoll sind sie. Der Autor empfiehlt dem Leser denn auch, sich zwischen den Geschichten Zeit zu lassen.

 

Mit viel Sprachwitz

Denn dass tut auch sein Protagonist in seinem neusten Roman „Sokrates im Wald“. Holstein nennt den Pensionisten im Roman ganz einfach K. Dieser K. erzählt nicht selbst. Es ist sein Freund, der Altlehrer, der bei der Räumung von K’s Wohnung auf dessen Notizen stösst.

Immer wieder fühlt man sich beim Lesen an Fislisbach und das Reusstal erinnert. „Dieser Herr K. und der Altlehrer haben nur soviel mit mir zu tun, als dass ich über sie geschrieben habe“, kommentiert Holstein. Fiktive Geschichten hätten den Vor-

teil, dass das Fiktive nicht fixiert. „Es könnte so oder auch anders gewesen sein“, ergänzt er. Mit viel Sprachwitz erzählt Holstein Geschichten aus dem Alltag des Pensionisten. So zum Beispiel, wie er seinen Freund Anton im Altersheim „Zum Mond“ besucht. „Die Alten leben auf dem Mond, bevor sie den Erdkreis ganz ver-

lassen“, beginnt die Geschichte dieses Besuches, bei der man den Eindruck er-

hält, die Bewohner würden auf einem anderen Planeten leben.

 

„In diesem Buch geht es nicht  um Schicksal“

Für Holstein ist das Schreiben ein Stück Lebensqualität. „Man erlebt drei verschie-

dene Ebenen gleichzeitig: Das wirkliche Leben, dann das Fiktive für das Buch und nachts noch die Träume.“ Und nicht nur das. Schreiben ist für Holstein auch „ein Mittel zum Denken“. Wer schreibt, betrachte die Welt mit anderen Augen und neh-

me anders wahr, ist er überzeugt.

Seit seinen frühesten Jugendjahren gehört das Schreiben zu seinem Leben. August Guido Holstein musste in frühen Jahren den Tod der Mutter und des Vaters verarbei-ten. „In diesem Buch geht es nicht um Schicksal, ich hatte genug davon im Leben“,

schlägt er den Bogen zu seinem aktuellen Werk.

 

Theater und immer wieder Literatur

Nach dem Geschichts- und Germanistikstudium unterrichtete er während Jahren als Bezirksschullehrer die Fächer Französisch, Deutsch und Geographie.(*) Erst an der Bezirksschule in Seon, dann in Baden. „Mit meinen Schülern habe ich stets Theaterstücke inszeniert“, erzählt er.

Lange Jahre amtete er als Präsident der Literarischen Gesellschaft Baden. Dort konnte er seine Leidenschaft für Literatur mit Gleichgesinnten teilen. Seit vielen Jahren ist er zudem Vizepräsident der Zürcher Schriftstellerverbandes. Er geniesst den Austausch mit anderen Autoren und die Diskussionen über Texte. „Nächstes Jahr werde ich wohl zurücktreten“, kündigt er an. Man mag es ihm noch nicht so recht glauben. Denn bereits ist er an der Arbeit an einem neuen Roman, einem Fa-

milienroman, wie er verrät. Und dies, obwohl er bekräftigt, dass „Sokrates im Wald“ seine letzte Veröffentlichung war. Und diese hatte es in sich. Erst starb sein Verleger, der ihm zusagte, das Buch herauszugeben. Dann musste er auch noch den Titel ändern. Denn „Zwischenleben“, wie es ursprünglich eigentlich hiess, diesen Titel gab es bereits. „Das Buch mit diesem Titel handelt von der Reinkarnation“, sagt er. Dabei hätte der Titel so gut gepasst. Zwischenleben treffe auf die Situation der Pensionier-ten zu, „wie die Zwischenräume der Äste eines Bonsais“, präzisiert er.

 

„Sokrates im Wald“ kann bei Books on Demand bestellt werden.

 

(Korrigenda des Autors:*Im Hauptfach Geschichte. Im Buch bleibt offen, wer den Text schrieb. Nicht unbedingt der Altlehrer, auch war er wohl bei der Wohnungs-räumung nicht dabei. Es handelt sich um einen Roman, nicht um Erzählungen, obwohl erzählt wird.)

*

 

Aarauer Zeitung/Badener Tagblatt, 18. Dezember 2019, Kelly Spielmann

FLANEUR MIT SCHICKSALSFRUST

August Guido Holsteins neuer Roman „Sokrates im Wald“ ist voller Natur, aber frei von Persönlichem – dafür hat der Fislisbacher Autor seine Gründe.

 

Einschub fettgedruckt: „Um mich herum sterben immer mehr Menschen.“

 

Es war ein holpriger Start, den August Guido Holstein mit seinem neusten Roman „Sokrates im Wald“ hatte. Als „Zwischenleben“ hätte er von der Edition Leu in Zürich veröffentlicht werden sollen. „Doch der Verleger ist überraschend verstorben, der Verlag eingegangen“, erzählt Holstein beim Gespräch im Badener Café Himmel.

 

Holstein fand einen neuen Verlag, den Titel musste er aber wegen der Verwechs-lungsgefahr mit andern Büchern ändern. „Sokrates im Wald“ wird nun beim Verlag Book on Demand auf Bestellung gedruckt. „Das Ganze hat mich schon ziemlich viel gekostet“, sagt der Autor und lacht. Freude bereitet ihm sein neuer Roman trotzdem.

 

Kein Kafka im Buch

Holstein, 85-jährig, pensionierter Lehrer, schreibt seit Jahren. Als er vergangenes Jahr  von der Edition Leu für einen neuen Roman angefragt wurde, musste er diesen nicht einmal schreiben. „Ich hatte noch zwei Manuskripte in der Schublade – eines über einen Bibliothekar und eines über einen älteren Mann“, sagt Holstein. Ausge-wählt haben die Verantwortlichen letzteres – der Bibliothekar hätte zu hohe Anfor-

derungen an den Leser gestellt, meint Holstein.

Der ältere Mann hat keinen Namen. „K“ wird er im Roman genannt. Das weckt Assoziationen. „Was hat Kafka hier zu suchen?“, fragt man sich. Und fühlt sich etwas ertappt, wenn Holstein das Rätsel selber auflöst: In einem Gespräch zwischen K. und einem Altlehrer erzählt Letzterer, dass er an einem Roman arbeite. „Zwischenleben. Erzählte von einem Herrn „K“, sagt er. „Soso, Kafka. Kafka hat sehr gut geschrieben. Krankheit“, mein „K“. „Nein, „K“ wie Kerl“, erklärt der Altlehrer.

Bei „K“ handelt es sich also nicht um Kafka. Um wen dann? Komplett in Erfahrung bringt das der Leser bis zum Schluss des Buches nicht. Was man weiss: „K.“ ist leidenschaftlicher Bonsai-Sammler, geht mit seinem Hund Zuzu-Wau spazieren oder verbringt zu Hause Zeit mit den Katern Jaguar und Moritz. Er beschreibt seine Ge-dankengänge, die oft ins Philosophische abschweifen. Ob er Ehefrau oder Kinder hat, freundschaftliche oder familiäre Beziehungen führt, was der Beruf des Pensio-nierten war: Das weiss der Leser nicht. Schicksalhaftes, Privates und Persönliches fehlt. Das ist Absicht.

 

Genug vom Schicksal:

Seine Mutter hat August Guido Holstein dreijährig verloren, den Vater mit 19. Auch ein Sohn ist verstorben. „Und in meinem Alter sterben um mich herum immer mehr Menschen“, erklärt er und trinkt einen Schluck Kaffee. Schicksalsfrustration nennt Holstein das Gefühl, das ihn dazu bewegte, im Roman auf diesen Aspekt zu ver-

zichten. Doch auch so schafft er es über 208 Seiten, das Interesse des Lesers zu halten.

Man versucht, „K“ und seine Liebe zu Bäumen zu verstehen, verfolgt seine aus-schweifenden Gedankengänge und begleitet ihn auf den Spaziergängen, bei denen er Individualisten, Sammlern, Tieren und Pflanzen begegnet. Trotz den oft ver-

schachtelten Sätzen ist der Roman nicht unverständlich, die Aufmerksamkeit ist dank den komödiantischen Wortschöpfungen und der Wortwahl Holsteins immer beim Text. Besonders Ortsnamen kreierte er gerne neu, wie er erzählt. So besuchen „K“ und sein Hund beispielsweise Finkenklopfen, Krapunder im Brummtal, Görpsbad. Doch auch auf Reisen: Es geschieht wenig. „Sokrates im Wald“ gleicht eher einer Reihe von philosophischen Abhandlungen als einer klassischen Geschichte. Freude am Lesen hat man dabei nicht nur wegen der Gedankengänge, auch wegen der Sprache.

Etwas jedoch irritiert bis zum Schluss: Es sind die ersten Sätze des Romans: „Nach der Neuunterbringung des Hundes und der Hausräumung wurde beim Nachprüfen und Sortieren des vorgefundenen Haus-Rates dieses Manuskript entdeckt. Schwie-

rig zu wisse, wer der Verfasser ist, dieser „K“ oder der Altlehrer oder beide.“ Vor dem Lesen kommt der Gedanke auf, der Roman sei für sich alleine nicht gut genug, wes-halb Holstein zu diesem Trick greift. Nach dem Lesen die Verwirrung: Nein, die Ge-schichte könnte für sich allein stehen und wäre auf den Trick nicht angewiesen. Wes-halb hat Holstein ihn verwendet? Traut er seinem Buch selber nicht? „Ich finde, die Geschichte braucht etwas Kontext und Einordnung“, erklärt Holstein.

 

Um die Gespräche zwischen „K“ und dem Altlehrer zu verstehen, um selber zu rätseln, wer das Buch geschrieben hat. „Aber mit fehlendem Vertrauen hat das gar nichts zu tun“, sagt er lachend. Denn Vertrauen in sein Schaffen habe er. So liegt auch schon wieder ein neuer Roman in seiner Büroschublade. „Es geht da um einen Geschichtslehrer“, beginnt Holstein, und versinkt in der nächsten Geschichte.

 

„Sokrates im Wald“, Book on Demand.

*

 

Fislisbacher Zitig, Sept. 2019, Annelies Hubler:

... Der Juni: Dieser bescherte, im Rahmen der Museumskommission, eine literarisch-musikalische Delikatesse, mit persönlicher Lesung und eigener klanglicher Unterma-

lung, August Guido Holstein mit seinem neuen Roman, „Zwischenleben“, welcher neu unter dem Titel „Sokrates im Wald“ erhältlich ist. Darin geht sein älterer Haupt-akteur – zwischen Bonsaibäumchen-Wald, Hund, zwei Katzen – mit einem ebenso

schrägen und melancholischen Freund, seinen kauzigen Lebensbetrachtungen nach.

 

*

Mail Erich Gysling, Journalist:  31. 3. 19

Beim Lesen Deines Buches kommt mir, je mehr ich vorankomme ein Paralleltitel zu deinem „Zwischenleben“, auch „Zwischenstille“ in den Sinn. Es ist für mich ein Text, der ineinander verwoben .... Stille, Abgeklärtheit, aber auch eine durch Lebens-weisheit gestärkte Heiterkeit vermittelt. Also, ich lese gerne bis zur letzten Seite.

 

Gisela K. Wolf, Malerin, Schriftstellerin, Verlegerin:

Bin berauscht von deiner fröhlichen, märchenhaften und verspielten Sprache, vom Betrachten, Gehörtem, Erlauschtem, vom dazu Gedachten und Gedichteten.

 

Vreni Stauffacher, Schriftstellerin:

Ich habe mich in der Zwischenzeit in dein Buch vertieft – manchmal nachdenklich, dann wieder schmunzelnd. „Dein Sonderling“ gefällt mir. ... Aber ich möchte doch erwähnen, wie sehr mir deine Sprache, das Ausschneidende, das Ornamentale gefällt. Meine Sprache ist eher „frugal“.

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„ZWISCHENLEBEN“, „WORT“, ZSV, Zürcher Schriftstellerverband. Zeitschrift für aktuelle Literatur I/2020, von Yves Baer, Präsident ZSV zum Roman „Sokrates im Wald oder das Zwischenleben“ BoD. Norderstedt:

 

Zwischenleben. Nein, so heisst August Guido Holsteins Roman nicht mehr. So

heisst die deutsche Übersetzung von Shirley MacLaines autobiografischem Buch

„Out on a Limb“ (1983). Nach so langer Zeit wäre die Titeldoppelung wohl kein Problem gewesen. Doch sicher ist sicher und „Sokrates im Wald“ ist auch ein guter Titel, denn im Roman geht es nicht nur, aber auch, um einen Wald. Einen Bonsai-Wald.

„Sokrates im Wald“ ist ein Roman über einen älteren Mann, der mit einem Hund und zwei Katzen lebt. Er erzählt die Geschichte des liebenswürdigen Individualisten K.

Wir treffen ihn als Pensionisten, der wohl schon zu lange alleine lebt und einige Schrullen angenommen hat, eine Figur, die jeder aus seinem Leben kennt und einem sogleich vertraut ist, da August Guido Holstein wie „Der Reussbote“ schreibt, ein präziser Beobachter des Alltags ist. Wer wie K – oder sein Autor – schon einmal den Alltag studiert hat, weiss, dass es nicht spannenderes als la p’tite vie quotidienne gibt und man als Autor aus dem Vollen schöpfen kann.

K lotet seine Existenz beobachtend aus, was manchmal kurios ist. Mit feinem Humor folgt Holstein den Gedanken Ks, beispielweise über die Frauen (ein ewiges Thema, auch im Buch): „Die einen sprechen mit den Augen aus ihrer Seelentiefe, die andern mit dem Lippenbogen und Zähnen und die meisten mit dem Mund – und dies ausgiebig.“ Es folgt daraufhin die Beobachtung aus einem Zug, worin eine Schöne einen Jüngling anhimmelt: mit gebleckten Zähnen, was wohl ein unbeholfenes Lächeln sein sollte. Den Frauen ist ein eigenes Kapitel gewidmet, worin es heisst: „Frauen, häufig und in der Tendenz eher redselig oder dann einsilbig. Die eher Stummen haben manchmal die bessern Gedanken aufzuweisen und tolle Leistungen. Die Schwatzbasen kehren alles zusammen als würde dadurch Ordnung entstehen, was des öftern jedoch nicht der Fall ist, eventuell gar das Gegenteil bewirkt.“ Im kurzen Exkurs über Schwatzhaftigkeit erklärt sich Holstein: „Der Schreiber ist nicht schwatzhaft, er möchte nur die Erzählfreudigkeit darstellen. Zugegeben, es gibt schwatzhafte Romane, auch von Männern.“

„Sokrates im Wald“ ist darüber hinaus ein Roman über Tierliebe, schönes Wetter auf der Parkbank, Augenblicke mit Sammlern, Bonsaikulturen, das Dorfleben und das Alter. Poetisch tiefsinnig heisst es: „Die Alten leben auf dem Mond, bevor sie den Erdkreis ganz verlassen. Die Entfernung zur belebten Erde ist beträchtlich. Auf dem Mond hat es immer noch genug Platz. Überalterung spielt auf dem neu ernannten Planeten der Alten keine Rolle. Das Altersheim zum Mond steht vor den Äckern und Wäldern der Dorfumgebung. Mond sei die richtige Bezeichnung für das Heim, denn die Alten arbeiten nicht mehr, sondern beziehen ihre Ressourcen von der Solidari-tätskasse wie der Mond das Licht der Sonne.“

Holstein, Dichter und Schriftsteller, aber auch Komponist und Pianist, wie er an der ZSV-Lesung im Juni unter Beweis stellte, verwendet den Sprachklang als Stilmittel und führt mit tänzerischer Virtuosität durch K’s Alltag. Beinahe schon musikalisch sind die Variationen der Hundbeschreibungen: Zuzu-Wau, Wau-Zuz, Wau oder Zuz.

 

„Sokrates im Wald“ hätte ursprünglich in der Edition Leu erscheinen sollen, wegen den auch im ZSV bekannten tragischen Umständen kam es nicht mehr dazu. Holstein veröffentlicht seinen Roman über BooksOnDemand, womit er im wohlsortierten Buchhandel und als eBook erhältlich ist. Die Übernahme durch einen klassischen Verlag wäre Buch und Autor zu gönnen.

 

 

***

„RHEINUFER“

2014 / 293 Seiten /  im BoD. D-Norderstedt

 

Basler Zeitung, 13. März 2015, Dominik Heitz:

GLITZERND WIE DER RHEIN

Stühlerücken. Hohe Räume. Über Hunde zum Stammtisch schreiten. Wappen-scheiben und honiggelbe Decken. Ein Wandschrank wie ein Altar. Bier, Wein, Kraut-wickel mit Gehacktem. Das Restaurant „zur Mägd“ bildet im Roman „Rheinufer“ von August Guido Holstein die atmosphärische Kulisse für das regelmässige Treffen von fünf Freunden. Sie heissen Zarko Celwuin, ein Cellist aus dem Balkan, Felix Holder, ein Gymnasiallehrer, Paul Wettstein, ein Buchhalter, Arthur Staff, ein Polizist, und Robert Frank, ein Kunstmaler.

Eines Abends hat Holder eine Idee: Nicht mehr einfach drauflosplaudern, sondern reden – reden über das eigene Leben. Was hat man erlebt? Als Kind? als Jugend-licher? Als Erwachsener? Aus dem Palaver entfalten sich fünf Lebensgeschichten – zunächst noch als Gespräch mit Einsprüchen und Fragen. Doch manchmal ent-schwindet die Welt des Stammtisches auch plötzlich und vollständig. Die einzelnen Reden geraten zu Erzählungen, zu Monologen, zu Exkursen. Da ist in einem Kapitel der Maler Hans Holbein beschrieben, der einst in der „Mägd“ zu Gast gewesen sein soll. Da entfalten sich Gedanken über die Farbe Rot bei Mark Rothko. Solche Ein-schübe setzen zwar sprachlich angenehm ruhige Akzente zwischen die wild umher-hüpfenden Stammtischgespräche. Manchmal indes erscheinen diese Brüche allzu gross.

Trotz allem: In Holsteins Buch ist die Erzähltechnik des sogenannten Bewusstseins-stroms omnipräsent: ein Kaleidoskop von Wahrnehmungen, Gedanken, Gefühlen und Reflexionen der Protagonisten, das manchmal glitzert und flimmert wie die fliessende Oberfläche des Rheins, an dessen Ufer sich dieser Roman abspielt. Und dazu passt das Umschlagbild: ein Farbholzschnitt des Malers Robert Frank, der von 1902 bis 1975 in Basel gelebt hat und der Cousin des Vaters von August Guido Holstein war.

(August Guido Holstein: Rheinufer. Verlag BoD – Books on Demand),

 

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Fislisbacher Zitig, März 2015, Isabel Steiner Peterhans:

ICH ERZÄHLE, ALSO BIN ICH ...

Eigenkompositionen am Klavier, eine gut besuchte Vernissage und die Lesung seines neusten Romans „Rheinufer“, ein Kulturanlass vom Freitag, 27. Februar.

 

August Guido Holstein feierte so seinen 80. Geburtstag und hat sich damit gleich selber ein Geschenk gemacht. Der Cellist Zarko Celwuin, der Gymnasiallehrer Felix Holder, der Kunstmaler Robert Frank, der Buchhalter Paul Wettstein und der Polizist Arthur Staff. Diese fünf Männer treffen sich regelmässig in der Basler Wirtschaft „Mägd“ und erzählen aus ihrem Leben. Der bekannte Autor, August Guido Holstein, verstrickt in seinem neusten Roman die verschiedensten Lebensstränge dieser Men-schen derart kunstvoll miteinander, dass man mitunter den Eindruck hat, dass es sich bei diesen Herren wohl um Holsteins persönliche Freunde handeln muss.

 

Der Schriftstellerkollege Matthias Müller Kuhn, mit Holstein freundschaftlich ver-bunden, liess sich mittels einer Art Laudatio die Möglichkeit nicht nehmen, gleich schauspielerisch amüsant mitten in die diversen Geschichten von „Rheinufer“ einzu-tauchen und die Anwesenden richtiggehend gwundrig auf das neuste Werk Holsteins zu machen. Holstein las anschliessend Sequenzen aus seinem Werk vor und unter-hielt die Zuhörenden zudem am Flügel mit selbst komponierten Miniaturen.

 

Zweiter Text: ... Oder sind es etwa seine eigenen Jugendbiografien, die er in diverse Protagonisten-Rollen so ineinander verwebt, sind die Romanfiguren schlicht erfunden oder gibt es sie tatsächlich? Wo fängt Dichtung an und endet sie etwa doch bei einem Funken Wahrheit? Und mittendrin der Rhein, der bei diesen Erzählungen zum roten Faden aller Geschichten wird, der das Leben vorwärts treibt und Erinnerungen wie Treibgut ans Ufer spült.

 

(Kommentar des Autors: Holder ist, etwas beschönigend, meine eigene Jugendge-schichte. Im weitern ist der Roman ausnahmsweise stark biographisch geprägt. Denn der Cellolehrer hat gesagt, was da steht, ob wahr oder nicht. Er war der Cellolehrer meines Sohnes und oft bei uns zu Hause. Von Robert Frank besitzen wir einige Bilder und haben ihn manchmal besucht in Basel an der Ochsengasse. Seine Freundin mit einem Kosmetikgeschäft nähe Rathaus. Der Buchhalter, zwei Onkel ineinander verwoben, in Basel ebenfalls. Der Polizist eine Mischung von meinem

Grossvater in Zug, Chef der Zuger Polizei eine Zeitlang, sowie die Berichte eines Nachbars, Chef in Rheinfelden etc. Die andern Frauen erfunden.)

 

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Reussbote, Mellingen, 20. Febr. 2015, Beat Gomes

Fislisbach: Vernissage im Schulhaus Leematten: August Guido Holstein liest aus seinem neuen Roman „Rheinufer“.

ZUM 80. MUSSTE NOCHMALS WAS GEHEN

„Ich liebe es, mich auf dem Feld der Komödie aufzuhalten, wohl wissend, dass es das Feld der Tragödie auch gibt.“ So spricht August Guido Holstein, der Fislisbacher Schriftsteller im Unruhestand. Zur Besprechung seines neuen Romans traf sich der „Reussbote“ mit dem Autor nicht zufällig am Stammtisch in der „Linde“ in Fislisbach.

 

„Er rieb sich seine Nase, schnupfte, setzte sich mit seiner Denkerstirn und all seinem besonderen Wissen, hob seine dunklen, buschigen Brauen zu Bogen und blickte mit Röntgenaugen in die Runde.“ August Guido Holstein, aus dessen neuen Roman der Satz  entlehnt ist, sitzt hinter dem ausladend grossen, eckigen Stammtisch in der „Linde“. An seiner rechten Seite Wirtevater Markus Schibli und dessen Sohn Felix in der weissen Kochschürze. Zu Holsteins Linken sitzt Wirtin Corinne Schibli mit Sohn Lenny auf dem Schoss. Sie alle lauschen den Erzählungen des Meisters im querge-streiften  blau-grauen Pullover. Was wohl der quirlige Lenny denkt über den alten Mann mit dem weissen, ums Kinn getrimmten, Bartstreifen und dem speziell ge-

scheitelten Resthaar am höchsten Punkt des Kopfes? Wie er so erzählt von den Fi-guren, die in dem Buch am Stammtisch einer berühmten Basler Beiz zusammen kommen und sich gegenseitig ihr Leben erzählen. Es klingt spannend. Ist auch spannend, wenn A.G. Holstein spricht.

 

Einladung zur Vernissage

Das Treffen in der „Linde“ fand nach dem Mittagessen statt, als die Gäste bereits wieder unterwegs zur Arbeit waren. Sonst könnte hier mit den Worten des Fislis-bacher  Wortschöpfers gesagt werden:  „Das Lokal war vollbesetzt und es schien, als ginge von dem grossen länglichen Tisch, je umrahmt von den redenden, diskutieren-den, ausufernden Gästen eine gewisse Kraft wie von Magneten aus.“ So aber schreiben wir „... die nicht mehr Anwesenden werden gerne ins Unrecht versetzt.“ Deshalb gibt es kaum eine bessere Gelegenheit, die Einladung zur Vernissage und Lesung von Holsteins neuem Roman zu kolportieren. Sie findet statt am Freitag, 27. Februar 2015 um 20 Uhr im Singsaal des Schulhauses Leematten in Fislisbach. Es wird eine besondere Lesung sein. A.G. Holstein wird an diesem Abend nicht nur einen tiefen Einblick in sein literarisches Schaffen geben, er wird sich auch ans Klavier setzen und Klangbilder seines umfassenden kompositorischen Werkes ent-stehen lassen.

 

Einschub: „Die Kunst des Schreibens liegt nicht in kurzen Sätzen.“

 

Eine ganz besondere Lesung

An diesem Abend wird das Publikum viel Autobiographisches vom Fislisbacher Poeten, Literaten und Musikus zu hören bekommen. Im Buch wird geschildert, wie der einstige Wirte- und Hotelierssohn für seinen Verbleib in der Nähe seines ge-

liebten Vaters so Klavier spielte, wie das seine Stiefmutter von ihm erwartete. Im Roman liest sich das so: „Was mein Taschengeld betraf, so muss ich nachträglich

anmerken, dass meine zweite Mutter mich wie ein Hündchen für das Männchen-machen abrichtete, bevor ich fähig war, in die Tasten des Klaviers zu greifen.“ Gleich einem Tanzbär, habe er auf Geheiss den Gästen vorgespielt, und habe dafür Geld bekommen. Erstaunlich was aus einem Bub wird, der im fortgeschrittenen Alter, in einem grossen Roman verpackt, schreibt: „Die Grossmutter meines Vaters aus Basel hatte ja auf ihrem Totenbett, den um sie Versammelten verkündet, der Bub sei besonders intelligent und nicht dumm, wie es oft heisse.

 

Umfangreiches Werk

Holstein absolvierte allen Ängsten, die er in dem Buch aufscheinen lässt zum Trotz, die Matura B, studierte an den Universitäten in Zürich, Genf und Basel, wurde Be-

zirkslehrer in Baden, schrieb schon früh Theaterstücke, publizierte mehrere Lyrik-bände, schrieb zur 800-Jahr-Feier von Fislisbach das Festspiel, verfasste Kurzprosa,

Erzählungen und Romane. Nicht alles wurde publiziert. Denn das Schaffen eines

Literaten in der Schweiz ist weitgehend brotlose Kunst. In der „Werkstatt“ von A.G. Holstein schlummert viel Komponiertes und Geschriebenes, Angefangenes und Fertiges. Zu seinem 80. Geburtstag fand das Fislisbacher Kulturmonument, es müsse nochmals etwas gehen. Deshalb habe er den Roman „Rheinufer“, der als Manuskript längst vorhanden war, publiziert. Wie lernfähig und noch immer mitten im Wandel der Zeiten stehende Autor ist, zeigt die Produktionsweise des 290 Seiten starken Werkes. Holstein hat das Buch in Form eines „Books on Demand“ heraus-gegeben. So werden heute Bücher produziert. Drucken, was bestellt wurde. Auf Verlangen eben. Damit ist zwar auch kein Geld zu verdienen, dafür aber können die Verluste minimiert werden.

 

Fiktion oder Wirklichkeit?

In dem Buch treffen sich fünf Männer in der Wirtschaft „Mägd“, die nahe am Rhein-ufer in Basel liegt.  Es ist eine jahrhundertealte Beiz, in der sich Zünfte, Fasnächtler, Intellektuelle, Büezer und Säufer gleichermassen begegnen. A.G. Holstein ist Basler Bürger. Er ist allerdings in Zürich geboren und aufgewachsen. In Basel hat er nur kurze Zeit gelebt. Vielleicht ist es seinem Hang zur Komödie und zur Vermischung von Wahrheit und Dichtung geschuldet, weshalb er den Roman in Basel angesiedelt hat. Fünf Männer also, die sich im wirklichen Leben so nie begegnet sind, treffen sich regelmässig in der „Mägd“ und beschliessen, ihr Leben „in Reden zu wickeln“. Was dabei herauskommt, wenn sich ein Polizist, ein Gymnasiallehrer, ein Cellist aus dem Balkan, ein Kunstmaler und ein Chefbuchhalter zwecks Erzählen der eigenen Bio-graphie am Stammtisch treffen, ist eine wahrlich aufregende Abfolge von unter-schiedlichsten Geschichten. Was dabei Fabulierkunst und was allenfalls Wahrheit ist, sei dem Leser überlassen. Zu autobiographischen Einflüssen sagt A.G. Holstein in dem Buch: „Biographisches Schreiben, um das Biographische aufzuheben, es von der Person loszulassen. Aber was ist in einer Biographie, ja – überhaupt im Leben

erzählenswert?“ Die Antwort gibt Holstein mit seinem neuen Roman gleich selbst. Fast alles ist erzählenswert. Holstein selbst aber zweifelt und sagt: „Wenn ich etwas schreibe, muss ich den Eindruck haben, es müsse lesenswert sein.“

 

Mit einem schelmischen Lächeln fügt er noch an: „Ich habe Freude an Luftballonen, die bei mir gerne mit Geist gefüllt sind – ich bin ein Diener des Geistes. Und dann lass’ ich die Luftballone gerne platzen.“

 

Einschub: „Wenn ich etwas schreibe, muss es lesenswert sein.“

 

Einschub: „Die Kunst des Schreibens liegt nicht in kurzen Sätzen, man muss redu-zieren können.“ Wie kurz oder lang, wie reduziert oder nicht.  Erfahren Sie es selbst

...

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ZÜRICH-NORD, Quartierzeitung, 2. April 2015

(Foto das ehemalige Restaurant Krone in Affoltern, Zürich.)

Beim Kaminfeuergespräch mit Autor August Guido Holstein im GZ Affoltern konnten die Zuhörerinnen und Zuhörer in Erinnerungen schwelgen.

Man merkte vom ersten Moment an, dass August Guido Holstein eine Beziehung zum Quartier Affoltern herstellen konnte, die auf der Tatsache beruhte, dass sein Vater und seine zweite Mutter das Restaurant Krone führten. So gab er den Anwe-

senden einen Einblick in vergangene Zeiten, welcher durch alte Fotos untermauert wurde.

Schon kamen den Betrachtern die Baracke, in der das Restaurant Krone während des Neubaus untergebracht war, und die anstossenden Bauten wieder in den Sinn und man konnte in alten Zeiten schwelgen. „Wissen Sie noch? Wer kann sich an diese Person erinnern?“ „Wo war doch wieder diese kleine Firma zuhause?“

Holstein las aus seinen Büchern Abschnitte, Prosa und Gedichte vor, und sofort wurde einem bewusst, dass es sich hier um literarische Werke handelte, die auf einem hohen Niveau deutscher Sprache abgefasst sind. Spannend anzuhören und präzise beschrieben kamen die Personen in seinem neusten Roman „Rheinufer“ dem Zuhörer rüber.

Alles in allem ein gelungener Abend, der mehr Zuhörerinnen und Zuhörer verdient hätte.

*

 

Aargauer Zeitung/Badener Tagblatt, 4. Febr. 2015, Rosmarie Mehlin,

KARTEIKARTEN SIND SEIN GROSSER SCHATZ

Fislisbach August Guido Holstein beweist in seinem neuen Roman „Rheinufer“, dass er ein begnadeter Fabulierer ist.

„Der Strom fliesst träge dahin. Auf seiner Wasseroberfläche helle Schatten. Nein, nichts Finsteres, auch keine Eisschollen, vielmehr im Lichte Schimmerndes, Glattes zwischen leichtem Gekräusel.“ Mit diesen Sätzen beginnt der Roman „Rheinufer“ von August Guido Holstein. Er liebt Wasser, ist im Sternzeichen Fische geboren, wohnt in – nomen est omen – Fislisbach und wird im März 80. „Zu dem Geburtstag, habe ich mir gedacht, muss doch literarisch „öppis“ laufen.“ Also war Holstein in die Tiefen seines Karteikarten-Archivs getaucht und hat aufgeschrieben, was fünf Männer sich bei ihren regelmässigen Treffen in einer Basler Quartierbeiz Wahres und weniger Wahres aus ihrem Leben erzählen.

Was aber haben die Karteikarten damit zu tun? „Seit ich denken kann, trage ich solche bei mir und notiere, was Mitmenschen mir an Erlebtem – und wohl auch Erdachtem – zu berichten haben.“ Für den ehemaligen Bez.-Lehrer, der zunächst in Seon und dann rund drei Jahrzehnte lang in Baden Deutsch, Geschichte, Franzö-sisch und Geographie unterrichtet hatte, bedeutet Schreiben Lebensqualität. Er hat mehrere Bände mit Lyrik veröffentlicht, weitere mit Kurzprosa, Erzählungen. 1992 seinen ersten Roman „Alptag“ – und jetzt also mit „Rheinufer“ den zweiten. „Vermut-lich habe ich den Roman vor allem wegen Zarko Vuijn, dem Cello-Lehrer meines Sohnes, geschrieben. Er war ein toller Typ, eine Art orientalischer  Geschichten-erzähler. Entsprechend hatte ich von ihm viele Karteikarten angelegt.“ Im Roman trifft sich Zarko Celwuin im Wirtshaus „Mägd “ im Basler St. Johann-Quartier regelmässig mit dem Buchhalter Paul Wettstein, dem Kunstmaler Robert Frank, dem Polizisten Arthur Staff und dem Lehrer Felix Holder. Die fünf erzählen sich aus ihrer Kindheit, von Begegnungen, spinnen Fäden zwischen Wirklichkeit und Fantasie. „Die Männer sind sich in der Realität nie begegnet. Ich habe aber jeden gekannt und hatte meine Notizen. Die Frauen in meinem Roman habe ich allerdings mit zwei Ausnahmen erfunden.“ Die Namen der fünf „Stammtischler“ hat Holstein verfremdet, ausser jenem vom Kunstmaler. Ein Ausschnitt von Robert Frank – Blick vom Kleinbasler Ufer auf Rheinbrücke und Münster – ziert denn auch den Umschlag von „Rheinufer“. Federführend im Roman, respektive in der „Mägd“-Runde, ist der Lehrer.

 

„Anstatt, dass wir am Stammtisch bloss miteinander reden um des Redens willen wie so viele, zu zufällig ins Ohr hinein und wieder beim andern heraus, schlage ich euch vor, dass wir unser Leben in unsere Reden wickeln.“ Unschwer ist zu erkennen, dass Kaspar Holder weitgehend identisch ist mit dem Autor. Holstein ist Bürger von Basel, sowie seit kurzem auch von Fislisbach, ist in Zürich geboren, besuchte die Schulen – da sein Vater als Hotelier immer wieder anderswo ein Hotel übernahm – in Horgen, Walenstadt, Zürich. „ In Basel habe ich das letzte Semester studiert und ich habe viele Verwandte und Freunde am Rheinknie.“ Der Leser spürt: Holstein kennt diese, an Facetten und Tradition reiche Stadt gut und er liebt sie. Aber im Roman schildert Kaspar unter anderem auch blumig seine Besuche in Zug, wo Guido August als Kind oft beim Vater seiner sehr früh verstorbenen Mutter weilte.

 

Einschub fett: „Ich ergreife das Leben sprachlich, stelle es auch gerne humorvoll dar, sehe mich aber nicht als Unterhalter-Schriftsteller.“

„Habe nichts abzuarbeiten.“

„Psychologen meinten, ich hätte mit meinem Schreiben etwas abzuarbeiten – keine Rede davon. Es geht um das künstlerische Erzählen.“ Holstein ist ein Fabulierer; seine Sätze ranken sich um packende Wortschöpfungen – auch wenn er Landschaf-ten schildert.

„Nun die leicht gelappten Gestade mit den Nestern von Dörfern. Kirchturm-Spitzen, Wälderdunkel-Inseln, darüber Hängeweiten, schildartig, gebuckelt.“

Der Roman „Rheinufer“ fliesst nicht, wie der Strom, dahin. Er nimmt verschlungene Wege. Poesie und Fantasie gehen darin Hand in Hand und ziehen den Leser in Bann. „Ich ergreife das Leben sprachlich, stelle es auch gerne humorvoll dar, sehe mich aber nicht als Unterhaltungsschriftsteller – nein, meine Geschichten sollen im Leser nachklingen.“

 

Zur Person Guido August Holstein

Guido August Holstein, geboren 1935, lic. phil. I. Als Lehrer an der Bezirksschule Baden liess er sich mit 60 Jahren vorzeitig pensionieren. Er ist Schriftsteller, war Kulturvermittler, Präsident der Literarischen Gesellschaft Baden, Vizepräsident des Zürcher Schriftstellerverbandes ZSV und Lektor der Pro Lyrica Schweiz. Holstein ist verheiratet, Vater von zwei Söhnen und hat zwei Enkel. ..

 

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„Wort“, ZSV, Nr. 43 des Zürcher Schriftstellerverbandes, Karlheinz Pichler

FÜNF BIOGRAFISCHE VERLÄUFE SPRACHLICH VIRTUOS VERNETZT

Um es vorwegzunehmen: August Guido Holstein gelingt mit seinem neuen Roman Rheinufer ein grosser Wurf. Das Werk, das im Verlag BoD (Books on Demand) im deutschen Norderstedt erschienen ist, handelt vom Cellisten Zarko Celwuin, dem Stilleben- und Landschaftsmaler sowie dem Holzschnittspezialisten Robert Frank, dem Buchhalter Paul Wettstein, dem Polizisten Arthur Staff sowie dem Hoteliers-sohn und späteren Gymnasiallehrer Kaspar Felix Holder. Diese „personelle Grund-besetzung des Romans trifft sich in unterschiedlichen Konstellationen zu Ausflügen nach Zug, ins Museum oder zu Spaziergängen entlang des Rheins zusammen. Als alles verbindender Schnittpunkt dient aber die Basler Wirtschaft „Mägd“, in der die fünf Protagonisten immer wieder zusammenfinden. Anstatt übliche Stammtischge-spräche zu führen, vereinbaren sie, dass im Rahmen ihrer Zusammenkünfte jeder Beteiligte markante Details aus seinem Leben erzählt. Nicht zuletzt, um mehr von-einander zu erfahren und die Bekanntschaften zu vertiefen.

 

Einschub: In Rheinufer lässt der Autor auch die ganze Breite seines sprachlichen Instrumentariums aufblitzen.

 

Aus dieser Ausgangslage heraus lässt Autor August Guido Holstein fünf verschie-dene biografische Verläufe erwachsen, die sich immer wieder abwechseln und in unterschiedlicher Dynamik entwickeln. Es sind fragmentarische Einblicke in sehr unterschiedlich geprägte Lebensstrukturen, für deren Rekonstruktion das „Mägd“ eine Art Sattelpunkt darstellt. Eine wichtige metaphorische Rolle spielt auch der Rhein, der gleichsam den „Lebensfluss“ versinnbildlicht und die Erinnerung wie Schwemmgüter ans Ufer zu spülen scheint. Und wenn es in „Ufer, Fähre, Strudel“, dem zehnten von insgesamt 32 Kapiteln, in die der Roman gegliedert ist, zum Beispiel heisst: „Ich fuhr mit der Fähre ans andere Ufer und fragte mich, ob die Leute die Fähren liebten, weil sie etwas Archaisches, einen Zustand zwischen Leben und Tod darstellen. ... Wieder Fuss fassen am anderen Ufer: stets ein Neubeginn,“ dann steht der Strom allgemein für das ewige Kommen und Gehen.

 

Auktorialer Erzähler

Wie Holstein im Anhang des Buches anmerkt, beruhen die einzelnen Lebensberichte auf direkten, aus der Realität gegriffenen Erzählungen von ihm Bekannten, die er fiktiv erweitert. „Jugendbiographien und Fiktion gehen hier Hand in Hand“, so der Schriftsteller wörtlich. Anhand der Figur des Felix Holders, der in Hotels in Horgen und Walenstadt aufwächst und später den Lehrberuf ergreift, ist unschwer die Über-einstimmung mit dem Autor selbst ablesbar. Holstein alias Holder erzählt den Roman in Ich-Form und steht auktorial über den Handlungssträngen.

 

Diese „Oberhoheit“ über das Geschehen ermöglicht es Holstein, die Lebenslinien in überraschende Wendungen zu verpacken und in sprachlich meisterhafter Virtuosität mit den wesentlichen Dingen des Daseins zu verknüpfen. Kuriosfabulös anmutende Überlegungen über die Wiedergeburt sind genauso eingestreut wie Bildbeschrei-bungen zu Mark Rothko oder musische, philosophische, gesellschaftliche und sogar auch ökonomische Überlegungen. In einem Absatz über die Post scheint auch ein Grundproblem des gesamten Shareholder-Wahns der heutigen Zeit implementiert: „Im Übrigen gebe es die Post wegen den Postämtern und als Funktion; die Renditen-frage stelle sich volkswirtschaftlich erst in zweiter, dritter Linie. Die Funktion sei immer primär zu sehen, das alleinige Renditedenken in solchen Belangen sei eigent-lich ein moderner wissenschaftlicher Aberglaube.“

 

Formale und inhaltliche Feinheiten

Formal interessant ist, dass August Guido Holstein den 32 Kapiteln seines Romans immer kurze inhaltliche Previews voranstellt. In der Art, wie er dies umsetzt, erinnert er direkt etwas an den autobiografischen Entwicklungsroman des genialen florentini-schen Goldschmieds und Bildhauers Benvenuto Cellini (1500 bis 1571), den seiner-zeit Johann Wolfang von Goethe ins Deutsche übersetzt hat und unbedingt lesens-wert ist.

 

In Rheinufer lässt der Autor auch die ganze Breite seines sprachlichen Instrumen-tariums aufblitzen. Wie in der Musik versteht er es, den Text zu beschleunigen und zu verlangsamen. Lange Sätze wechseln mit kurzen Sätzen, und manchmal verleihen mehrere Einwortsätze hintereinander dem Fortlauf des Geschehens eine fast stakkatoartige Dynamisierung. Und, wie man es von ihm schon von früheren Publikationen her gewohnt ist, setzt Holstein auf eine sehr bilderreiche Sprache, in der auch Satire und Humor nicht fehlen darf. Letzteres oft feinsinnig eingestreut. Wenn es etwa zum Einstieg in das Kapitel „Cello“ heisst: „Das Wasser plätscherte aus dem Brunnen nach dem Tor“, so erwacht im Leser zwangsläufig die Assoziation zu Franz Schuberts Vertonung des Wilhelm-Müller-Verses „Am Brunnen vor dem Tore“.

 

Frauen- anstatt Männerrunde

Gegen Ende des Romans begeben sich Kaspar Felix Holder und Paul Wettstein auf die Reise in die montenegrinische Heimat des Cellisten Zarko Celwuins. Die Frauen bleiben zurück und treffen sich nun ihrerseits zu regelmässigen Meetings. Wohin dies führen könnte, wäre dann allerdings eine andere Geschichte ...

 

Satz als Anhang: „Für Naturbegeisterte, für Meerbewohner gibt es nicht das Optimum, das Beste, sondern stets das Auf und Ab, die Wellenbewegung im Rhythmus.“ August Guido Holstein.

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