Prosa

 

TEXTBEISPIELE ZU WERKEN VON

AUGUST GUIDO HOLSTEIN

GESCHICHTEN VOM BOLL

(Ein Bericht des Musiklehrers, eine Art Original, auf den Hügel des Boll transplantiert. Er erzählte, bei einer Versammlung habe er sich zu älteren Frauen an den Tisch gesetzt. Die hätten ihn so angestarrt, dass er es diesen habe “zeigen“ wollen, indem er ein nahe Blumenvase auf dem Tisch gepackt und von den Blumen gegessen habe. Jetzt habe das Anstarren einen Sinn bekommen Da der Text ins Rokoko-Zeitalter übertragen wurde, musste der Schreibstil entsprechend ausgesucht werden.)

 

DER BLUMENFRESSER

Zur Zeit, als Baden mit seinen wohligwarmen Bädern noch die Hauptrolle als Ver-gnügungsplatz und Heiratsmarkt bei den Eidgenossenschaft spielen durfte, trug es sich zu, dass zwei wohlanständige, äussert weich- und feingliedrige Rokokodamen mit ihren lila Sonnenschirmen und weissen Spitzenrüschchenröcken sich bei einem ausgedehnteren Plauderspaziergang auf das Boll verirrten, was zwar äusserst selten vorkam, denn man warnte in den Bädern die Gäste und legte ihnen nahe, wohlweislich in der Nähe Badens zu bleiben und die Molkenstation nahe der Wälder über der Stadt zu frequentieren, mit besonderer Aussicht aufs Schneegebirge und nicht gegen die abschüssigen, lebensgefährlichen Ufer des Reussflusses zu wandern, welche Vorsichtsmassregel in diesem Falle nichts nützte, denn die beiden ehemals Schönen hatten schon am frühen Nachmittag diesen wichtigen Triangulations-Punkt der Stadtvätergeographie zwar erreicht, erstaunt das Föhngebirge mit Ah und Oh bewundert, aber, weil sie so sehr in Heirats- und Mannsgesprächen sich vertieft befunden, hatten sie weiter Fuss vor Fuss gesetzt. ohne es an ihren Söhlchen zu spüren, den Abhang hinunter, in Richtung der weissen Segel des aufgeblähten Föhngebirges, und da standen sie nun nach einigen Stunden, denn sie waren auch stehengeblieben und hatten mit ihren elfenbeinernen Fächerhänden in der Luft herum gestikuliert und sie quasi gekämmt, standen sie nun endlich, wie angewurzelt, auf dem Boll.

Sie repetierten dort die Ahs und Ohs bezüglich des Gebirges, nun aber mit dem lautesten Fortissimo, das ihre Wisperstimmen hervorbringen und an die äussere Luft setzen konnte, denn das Boll liegt bekanntlich schon näher bei den Alpen, aber auch über den jähen Ufern der Reuss, und sie betupften den Sonnenhimmel mit der gol-denen Spitze ihrer lila Schirme, gaukelten damit wie Schmetterlinge durchs Gras, bis sie eines Mannes angesichtig wurden, der eben mit beiden Händen, weissen Zähnen und wenig Bissen ein Butterbrot verschlang, was die Damen natürlich bis zu einem Grad erschreckte, worauf der Mann mit Buttermund, runden Gesichtsfalten und vol-len Backentaschen grinste und ein tierisches Jeeh ausstiess, dass die weissen Röcke davon rauschten, aus Neugierde aber wieder nach wohlgesetzter Zeit näher in die Sichtweise des anderen Wesens heranpirschten, jedoch jählings, in einem Windzug, ins nahe Dorf hinunterrannten, verfolgt einerseits von Panik und anderseits von eben gegenwärtigem Pan, denn der Unhold hatte vor ihren weitaufgerissenen, erschreckten Augen weisse Margeriten wie wild von der Wiese gezerrt und sie sogleich mit gewaltigen, zermalmenden Kaubewegungen mit Blütenkranz und Stiel verschlungen.

Im Gasthof ‚Zur Linde’, wo sie sich bei Lindenblüten- und Rosenblättertee von ihrem „schröcklichen“ Abenteuer erholten und sich nach grossem Atemholen endlich wieder aussprechen konnten, versicherte man ihnen, es sei kein Einheimischer gewe-sen, sondern ein balkanesischer, da und dort herumfiedelnder Musikus, der mit seinen Zigeuner- und Teufelsweisen schon manche lästerliche Tanzwut verschuldet habe, worauf es den beiden leid tat, ihm nicht in dieser Weise begegnet zu sein, aber wohlverwahrt in den Polstern und Kissen einer Sonderkutsche, welche die Verirrten wieder nach den Bädern brachte, und in ihrer weiter ausgedehnten Konversation, konnten sie nicht beobachten, wie eben derselbe mit andern Gesellen lachend am Wege stand und alle über dieselbe Geschichte grinsten.

 

GESCHICHTEN VOM DORFE F 

(Es wurde ein Erzählband zusammen gestellt, der auf den Berichten von meist älteren Leuten des Dorfes basiert mit oft heute historischem Inhalt. Die Texte sind im Dorf entstanden, aber sie könnten auch von anderen Orten stammen. Diese Orts-Geschichte ist allgemeingültig. Der erste Ausschnitt handelt vom Generalstreik in Baden, der zweite, vom Moment, als zum ersten Mal elektrisches Licht brannte.)

 

aus DIE MITTAGSFUHR

... es heisse, es kämen oder seien auch welche aus Zürich gekommen, um die Streikposten zu verstärken, ja, er habe gehört, man wolle das städtische Elektrizitäts-Werk angreifen, den Hahnen abstellen, dass auch die drin sich neben die Antriebs-Riemen stellen müssten. Der Feuerwehrmann konterte, indem er gleichzeitig seinen Schnauz glattstrich, dann zugriff, ob er den Aufruf des Gemeinderates an die Bevölkerung nicht gelesen habe, er mahne zu Besonnenheit und wende sich gegen jegliches Gerücht. Der Angesprochene, ein etwas kugeliger Mann mit breitem Mund, lachte: natürlich, das habe er gelesen, es stehe darin, Massnahmen für die Sicherung der allgemeinen Lebensmittelversorgung seien angeordnet, und er könne hier ersehen, dass alles zum besten bestellt sei. So blieb dem vorher Wachthabenden nichts anderes übrig, als gemütlich in die braune, blattrige Wurst zu beissen und den Kartoffelsalat und die Rüben auf den Löffel zu laden, alles, was unter dem Deckel bereitgelegen war. Keiner rauchte, er konnte sich von seinem Amt dispensieren, er hoffte dies wenigstens.

Natürlich redeten alle vom Streik, berichteten, wie die Kavallerie den Platz vor dem Hauptportal der Fabrik reingewischt, man müsse sich vorsehen, es könnte plötzlich geschossen werden. Der Sprechende, ein hagerer Langer, verkündete dies in fiebrigem Ton und streckte sein Kinn wie eine Festung vor. Ein anderer, ein stämmiger Bauernsohn, wollte wissen, man habe schon einige verhaftet. Der Mann mit der grünen Gärtnerschürze, der die Mittagsfuhr gebracht hatte, meinte, er würde es schon schätzen, wenn diese Schweinerei ein Ende habe, die Arbeiter wollten mehr Lohn , man dürfe ihnen nicht trauen, der Bauer bekomme dann  nur noch weniger, und es sei schliesslich der Bauer, der das Brot auf den Tisch lege. ..

 

aus DAS NEUE LICHT

... Unterdessen habe der Franz im Keller des „Rössli“ ein ganzes Arsenal von Zahnrädern zusammengebaut, nicht einmal etwas getrunken habe er dazwischen, richtig behext sei er von der Sache gewesen, und hätte einer gemeldet, er schmiede aus Eisen Gold, so wäre man kaum erregter gewesen. An die Zahnräder habe er Drähte gehängt, natürlich sei dazwischen noch so komisches Zeugs montiert, das man nicht verstehe. Diese Drähte führten in kleine birnenförmige Gläser, in denen es dann brennen sollte. Es sei jedoch ganz und gar nicht feuergefährlich, man dürfe sich nicht Fackeln vorstellen, das habe man schon vorher von auswärts gehört. Natürlich dürfe es, wenn diese Fackeln – nein, man sage Lampen oder Birnen, aber nicht Äpfel – brennen,  kein Gewitter geben, das wäre dann viel zu gefährlich wegen dem Blitz, es wäre schade für das „Rössli“ mit seiner Theaterbühne, wirklich schade, da trage der Franz eine grosse Verantwortung, nicht nur für den alten Gasthof, auch für die Häuser darum herum, auch seien die Drähte sehr gefährlich, lebensgefährlich, es sei schon ein Risiko, aber die Welt wolle eben immer etwas Neues, selbst auf die Gefahr hin, dass einmal etwas Schreckliches passiere. – Aber nein, so gefährlich sei es auch wieder nicht, es sei vermutlich übertrieben gewesen, wenn jemand vorsichtshalber an diesem Abend das Dorf verlassen aber, die vom Männerchor könnten nicht nahe genug sein, der Dirigent habe sogar für diesen Abend ein neues Lied komponiert, mit einer zügigen alten Melodie, aber mit neuem Text. „Es werde Licht!“ ...

 

aus „ALPTAG“, ROMAN

(vorerst die Exposition für den weiten „Abend-Schluss“ des besonderen Tages, darauf vom Anfang eine satirische Fantasie beim Durchfahren des Gotthardtunnels nach Italien, einer der verschiedenen Einschübe.)

Eine Stimme. Er musste sie schon einmal gehört haben. Christoph drehte sich, stützte seine Ellbogen ins Gras und öffnete beide Hände als Empfänger, der die Stimme hätte auffangen sollen. Er musste sie mit seinen Tastern abfühlen. „Rosaa!

Rosaa!“ Er dechiffrierte, dass es sich um eine wohlangesetzte, gezielte Energie-ausstrahlung von hoher Frequenz handeln musste. Ein Willensstoss war in einen Anlauf umgewandelt worden, herb, nervig, und dann folgte im Auslaut ein Warm-strom, folgte Gefühlvolles mit niedriger Frequenz. Das „A“ hallte über die dunklen Wasser und Finstergipfel wie ein langes Erstaunen und Fragen. Da nistete Angst darin, mütterliche Sorge, zuletzt ein Violett der Verzweiflung, ein abrupter Schluss. Er besass das ganze Sonnenspektrum dieser Stimme und war überrascht: Man musste sich nur auf eine Stimme konzentrieren, musste nur richtig hinhören, und man drang in die Stimme. Und wie man nach den Farben des Lichts ferner Sterne, ihrem Spektrum, feststellen konnte, welche Elemente Millionen von Lichtjahren entfernt vorkamen, so konnte man die fernen Seelenelemente aus einer Stimme lesen. Er nahm sich vor, in Zukunft Experimente durchzuführen. Er wollte feststellen, warum einige Stimmen ihn anzogen, andere ihn abstiessen. Er kannte ein Mädchen, das ihm gut gefiel, dessen metallene Stimme ihn aber abstiess. „Rosaa!“ Na endlich? die Stimme musste er doch kennen; sie gehörte zu den ihn anziehenden Stimmen.

Christoph sprang auf, rannte auf einen nahen kleinen Hügel: Unter ihm stand die Frau des Professors, lächelte halb erfreut, halb hilflos und schaute zu ihn hinauf. „Sie hier, Christoph“, das ist gut, bitte, helfen Sie mir!“ – „Ja, gerne.“ Er rannte zu ihr hinunter, so, dass er fast gestrauchelt wäre, und blickte in ihre Augen, die ihn an Tessiner Trauben erinnerten. Ihre Gestalt war so schlank und hoch  wie ihr weisser Hals, und ihr Gesicht trug etwas Rätselhaftes – nein,  nicht wie bei der Mona Lisa, nicht dieses Rätselhafte; ein andres Rätsel. Sie blickte ihn an und sagte fast etwas unwirsch wie zu sich selber: „Ich glaube, ich muss Sie aus ihren Träumereien am Bergsee reissen. Entschuldigen Sie, aber Rosa, ein Mädchen aus der Ferienkolonie, hat sich beim Spaziergang heute nachmittag von der Gruppe entfernt und wird seither vermisst. ...

- - - -

Man fährt hinein in die Republik der Tunnelzwerge, ins riesige Bergwerk, spaziert dann durch die unterirdischen Ladenstrassen für die Fremden mit den hell erleuch-teten Schaufenstern, mit den Uhren, Diamantkolliers, dann dem Sennebueb, der für Käse und Milch wirbt.  Entsprechende Milchrohre, die von der Bergoberfläche nach unten führen, kann man im Laden besichtigen. An silbernen Puppen im Reigen der Damen- und Herrenkonfektion vorbei. Etwas Handarbeit aus Ostasien, Nastüchlein mit Alpenrosen. Ein Geschäft für Tunnelkameras und Blitzlichtlampen. Zehn Reisebüros für die Weiterfahrt, zwanzig Büros für die Versicherungen gegen Steinschlag. am Ende eine kleine Boutique mit holzgeschnitzten Bernermutzen. Dann das grosse Bankenrondell, die eigentliche Sehenswürdigkeit der Alpenzwerge-Republik. Täglich um fünf Uhr auf dem Rondell: der grosse Goldbarrenaustausch auf kleinen, schmucken Schubkarren, von Polizisten aus den fünfundzwanzig Kantonen im Kämpfer bewacht, eine Manifestation, die alle Fremden in dichten Zuschauermassen anlockt. Am Schluss die kleine Folklorebeigabe, der Hosenlupf der Tunnellandsknechte, die früher in fremde Kriegsdienste abgewandert waren, um ihr bisschen Gold zu holen, und der kleinen Alpensennen, die von oben kommen, wo noch einige Hotels stehen und Rutschbahnen für die sporttreibende Jugend. Die Alpensennen bedienen diese Rutschbahnen und versetzen die Pflöcke der ausgestellten Geissen und Kühe. Prächtig klingen im Felsendom ihre Alphörner inmitten des Bankenron-dells.

Dahinter die Bürogänge, dahinter die Werkstätten im Fels, dahinter endlich das Bergwerksrevier mit dem Dreck, den Schubkarren, den Gängen, bei denen man sich noch bücken muss, wo die Lunge vom Staub überreizt in ihren Hustenanfällen sich verkrampft. Doch hier sind die Tunnelzwerge nur als Aufseher tätig ; sie haben andere Zwerge aus der Ferne mit leuchtenden Goldklumpen angelockt, die man hie und da finde und dann behalten könne. ...

 

ZIRKUS IM GEBIRGE

(Ein teils anspruchsvoller Text, der mit seinen vielen Doppelbödigkeiten nicht den Erwartungen eines nur unterhaltsamen Lesestoffs entspricht, aber viel Komödi-antisches enthält.

 

aus DAS ZIRKUSZELT

... Auf dem Grund – in Wirklichkeit dem Hochplateau – dem weiten, nun schon verdunkelten silbergrünen Wiesenplane, habe sich das Zirkuszelt wie ein grosses, seltsames Tier in der anbrechenden Nacht ausgebreitet, mit Blachen wie gigantische Lungenflügel; bei längerem Hinschauen habe man gemeint, es atme die Bergluft geruhsam aus und ein, was wohl etwas mit Ventilatoren zu tun gehabt habe. Mit einmal, schlagartig habe sich das dunkle Tierwesen mit dem Anknipsen der Scheinwerfer und Tausenden von Lampen und Lämpchen in einen Lichterberg verwandelt. Das sei eine Erscheinung gewesen, ein magisch-überirdisches Gebilde. Da die Firnfelder erloschen, sei es in der Nacht aufgeblüht wie der Gletscher am Morgen, zwischen den Höhepunkten, den Strebepfeilern, den bewimpelten Wipfeln. Die Lichtstrassen seien girlandenartig dazwischen hinabgetaucht, um erneut wieder aufzusteigen, wellenartig auf die Seiten und hätten kundgetan, Höhepunkte seien nur möglich durch ein mehrmaliges Sich-Herabsenken der Erde zu.

Ohne diese Referenz sei es uns unmöglich, uns den Lüften zuzuwenden, immer in Gedanken an das Fliegen, Überfliegen, Schweben als Seelenvogel übe allem, un-belastet von der Anziehungskraft dieser Erde. Das sei ein Wunsch, die Partnerschaft unseres Gestirns mit seinem für uns riesenhaften materiellen Körper etwas weniger gewichtig zu gestalten, gleich aus der Erde auszuschlüpfen als leichteres Wesen, als Schmetterling schwerelos in den Lüften zu fliegen, in Unkenntnis, dass dann in diesem Zustand dieses Wesen allen Winden ausgesetzt sein könnte, welche durch das Gebirge und Weltall brausten. Von weitem habe man das Volk, eine dunkle Masse, hinströmen sehen, über die Wiesen, sich vor dem Eingang massierend, tausendköpfig geduldig wartend und fröstelnd. Am Fusse der Blachenwand hätten, nach dem Auftakt der Illumination, Seile einige Stoffbahnen emporgehisst. Der Clowndirektor sei mit ebenfalls illuminierter, grosser, roter Fliegenkrawatte herausgetreten, neben ihm ein dunkelblau gewandeter und goldbetresster Liliputaner als Trommler. Der Direktor habe jedem Besucher in die Augen geblickt, manchmal ernst, manchmal mit einem Lächeln auf den Lippen. ...

 

DON JUAN UND ALTER MEISTER

(Die kleinste Textpassage aus dem Buch sowie ein kurzer Abschnitt aus der Schluss-Erzählung. Der Bildhauer Eduard Spörri aus Wettingen schuf schöne, harmonische Figuren; anders verhielt es sich wohl mit seiner Jagdleidenschaft.)

SCHWERE FOLGEN

Der Tag schlich heran und blieb an seinem Bett stehen. Er wachte auf, dämmerte so dahin und fiel erneut ins Dunkel. Leise bewegten sich draussen im  Regen die Zweige, und irgendwo fielen Tropfen klatschend auf einen Stein. Da hörte er ganz deutlich Weinen, ein langgezogenes Weinen, das aufhörte und wieder einsetzte. Eine der beiden Katzen weinte. Wenn er nur gewusst hätte, welche. Er musste sich äusserst betroffen fühlen, wenn es seine Katze war. Dann hatte er ein schuldverstörtes Gesicht . Im Fall, dass die Katze des Nachbarn weinte, musste sich tiefes Mitleid in ihm regen.  So schwebte er lange im Morgengrauen zwischen Mitleid und Betroffenheit. ...

Er sammelte die Anklagepunkte und konnte nicht verneinen, dass er es wusste: Katzen haben ein weiches Fell. Ein weiches Fell muss täglich mit viel Fühlung und Ausdauer gestreichelt werden. Wenn dies nicht geschieht, so ist die Schöpfung nicht mehr in Ordnung. Dann stehen die Stühle nicht mehr am richtigen Ort, liegen die Kissen auf einem wirren Haufen, verstellen die unabgewaschenen Teller die ganze Küche, liegt dürres Laub auf den grauen, steinigen Perserteppichen, hängen die Bilder verkehrt, brennen die Lampen nicht mehr, geht die Milch über, sind die Türen mit einer Fettschicht überzogen, dann sieht man nicht mehr durch die Fenster. Auch verkümmern im Garten die Pflanzen, verschwinden die Wege unter der Erde, fallen Häuser ein, und Sonne und Mond werden zu Asche.

Warum hatte er sich zu wenig Zeit genommen, die Katze zu streicheln? Wie lieblich war es, wenn er ihr Schnurren hörte. Wenn aber die Katze des Nachbarn geschrien hatte? Dieser Mensch war einfach zu grob. Warum hatte er eine Katze? Katzen haben ein weiches Fell. Ein weiches Fell muss man streicheln, sonst ist die Schöpfung nicht mehr in Ordnung.

Er strengte sich an, die Katze weinen zu hören. Als er erwachte, pfiffen draussen die Vögel.

 

aus SYMPOSION

... Das soll eine Jagd sein. Alles entgegen der Regel, unwissend, stümperhaft und fern von jedem Ritual. Ärger. Erneutes Stillestehen. Eine Pille. Hierauf ruhiges Schreiten, nur noch Bewegung, Gliederbeugen, Herzpochen, allzu laut, aufdringlich, erbärmlich. Verdammt das Alter, ein Gegner, ein Reibstock, eine Herausforderung.

Ich lass mich nicht unterkriegen. Genug der Demütigungen. Reiss dich zusammen, Mann! Rhythmisches Ein- und Ausatmen, Sich-Fassen. Vorwärts. Wir werden, müssen sie packen bei allem Bluthochdruck. Die Feldflasche, dann weiter.

Eine Maus huschte über den Weg, lächerlich, ein kleiner Clown des Waldes. Ein schwarzer Vogel, vielleicht ein Rabe, schwang seine Flügel in der Parallele seines Weges, ein schlechtes Omen! Quatsch! Er erholte sich, genoss die Stille, das mor-gendliche Waldweben, saugte es in sich hinein wie Balsam. Doch dann plötzlich die Frage: War ich nicht vorhin für einen kurzen Moment weg? Einen Schritt ab der Bahn des Lebens? War ich dies oder nicht? Zweifel. Verstörtheit. Grimm und Widerstand. Sich aufbäumen, ein Krampf in der Faust. Mensch, lockere dich, „glissez mortels, n’appuyez pas!“ Lockerer. Es ist schön hier. Ich bin gerne im Wald. Ich geniesse die Stille, die heilsame Stille, heilsame Stille ...

Aber immer noch das Würgen und Schlucken im Hals. Der Altmeister holte mit der Hand aus und klatschte sich einen Schlag in die Lenden wie bei einem Pferd. Weiter.

Bei Zeus! Donnerwetter. Ich habe mich auf diesen Tag gefreut. Nun wir mir mein Körper eine Belästigung, eine Zumutung. Ich, der ich Jahrzehnte lang den Hammer schwang, Statuen stemmte, mit meinen grossen Händen. Die Adern bläulich. Erneutes Schlucken.

Eine Waldlichtung. Nebelfetzen. Wie bei Hodler. Was steht dort? Ein Reh, grazil, geschmeidig, nun schwebend in leichter Bewegung. Er pirscht vor, vergisst sich.

Jetzt, das Netz ist über ihn geflogen, es hat ihn eingefangen, unsichtbar, trägt ihn fort, weit fort, lässt ihn schweben, alles vergessen, das Fieber. Jetzt will ich doch noch. Das letzte Mal. Doch noch.

Das Reh dreht schraubenartig seinen Hals und ein jäher Sprung, der Leib ein Winkel nach links, nach rechts, nach links, nach rechts, Bogen. Aufreissen des Gewehrs. Nein, weiter, sich ducken, unter dem Geäst. Dort! Springen, hasten, über einen Graben, über die nächste Lichtung. Wo? Weiter. Dort! Dort schimmern die Hinter-läufe. Jetzt will ich doch noch. Er vergisst sich, seinen Leib; da ist nur noch en Wille. Äste zerkratzen sein Gesicht. Dort! Jetzt dort! Jetzt will ich doch noch. Hochreissen, sich zusammenziehen auf den einen Punkt trotz des Zitterns. Jetzt will ich. Der Schuss! Dieses Zittern, noch ein Schuss, noch einer. Zittern, auszittern.

Die Grazie des Lebens sinkt dahin. Schwarz ist ihm, vor Augen, er taumelt, will sich nochmals mit einer letzten Anstrengung hochreissen. Jetzt ist ihm, als werde er ganz gross, wie ein Baum, als steige er empor wie ein Rauch. Dann nichts mehr. Aus.

Hechelnde Hunde vor dem stillen Mann. ...

 

DER AUGENBLICK 

(Die historischen Erzählungen basieren zu einem grossen Teil auf geschichtswissen-schaftlichen Notaten und Studien aus dem Geschichtsstudium, den Seminararbeiten und Recherchen an der Universität Zürich, die nachträglich noch für einzelne Texte ein halbes Jahr in Anspruch nahmen. Es gibt den historischen Roman, der verschie-den bearbeitet ist, hier für den Autor wichtige historische Erzählungen. Der Schreib-stil den Epochen angepasst; man kann nicht für 1900 mit einer modernen Prosa antworten nach meiner Meinung. Es sind aber volle Erzählungen entstanden, die den wissenschaftlichen Hintergrund vergessen machen. „Ambrosius“ hier mit einer Passage, für mich die älteste Zeit meiner Darstellung sowie die aktuellste, die Spä-tantike.)

aus AMBROSIUS 390 – 392

Mein lieber Freund Eusebius Zano,

wer weiss schon, wo dieses Cassiciacum, wovon ich Dir schreibe, liegt, und doch spielt sich hier auch Weltgeschichte ab, liesse sich abfüllen in Amphoren wie Wein, der später genossen wird. Du berichtest mir, Dir fehle in der neuen Kaiserstadt, im neuen Rom am Nabel der Welt, zwischen unserem Reich, Asien sowie Afrika, eigentlich der Überblick. So vieles stosse hier zusammen, erblicke das Licht auf diesem Erdenrund. Der Lärm sei gewaltig, das Getöse so ernorm, dass man die Stimmen, die wichtigen, entscheidenden, nicht mehr vernehme Zwar eilten geschäftig Tanzende durch das Gewirr der orientalischen Gassen und der wohlgeplanten römischen Palastgevierte, aber immer nur vom Tagesgeschehen erfasst und bewegt, vom nächsten Rennen der Kampfwagen in der Arena, vom Parteigezänk der Konkurrenten für den nächsten Lauf. Letztlich sei alles verschlossen. Vom Kaiser und Hof erblicke man nur den golddurchwirkten Amtsputz und –ornat, den ganzen Apparat und Glanz in der Erscheinung der Majestas, die neuen Rituale, kurz, den Popanz, aber kaum etwas vom Menschlichen, vom Überlegen, Planen, Ordnen.

Tatsächlich, hier in unserem Villenbereich, zwischen der westlichen Kaiserstadt Mediolanum und dem Alpenfuss, südlich von Comum also, fehlt dieser Popanz. Mit dem Christentum scheinen sich erneut die altrömischen Tugenden der Einfachheit und Natürlichkeit durchzusetzen, und was das Grossartige ist, hier wird noch diskutiert, obwohl wieder erneut Bestrebungen des „dictum“ sich manifestieren und durchsetzen wollen, wovon ich als eingefleischter Skeptiker, wie Du mich kennst, nichts wissen möchte.

Es freut mich, Dir, der Jugend, als älterer Lehrer in unseren brieflichen  Überein-künften und Auseinandersetzungen, einiges vorstellen zu dürfen. Wir leben in einem ausserordentlich interessanten Zeitalter, in dem sich manches bewegt, ja, eine neue Kultur ihre Form sucht. Dies wird uns zwar neue Erstarrungen  bringen; du kennst mich, ich liebe das Fliessen.

Von euren sogenannten Sensationen in der Polis hast Du mir berichtet. Solche haben wir auch, und ich nehme an, sie seien bedeutender als die Deinen. Letzte Woche hat unser Episkopus Ambrosius in Mediolanum unserem allmächtigen Kaiser Theodosius I den Eintritt in seine Basilika verweigert. Denk Dir, unserem allmächtigen Kaiser! ...

 

„MÜCKEN“

(Im Schwarm dieser „Mücken“ vorerst etwas Fabelartiges, ein „Bildtext“, dann eine Passage aus einer Art „philosophischer Erzählung“, wie bei mir hie und da üblich. Nach einer Foto von Gubbio. Doch mit Beispielen sind die „Mücken“ nicht einzufangen, unmöglich.)

 

DER SCHMETTERLING

Ein hellweiss schimmernder Schmetterling gaukelte dem Bord eines Bahndammes entlang von Blume zu Blume. Er segelte einmal von unten, dann von oben die farbig-duftenden Pflanzenwunder an. Am liebsten von unten. Dann standen sie mit ihren Kronen im Blau des Himmels. Doch die Eisenbahn führte nun durch einen längeren finstergähnenden Tunnel. Vielleicht war für ihn das winzige Licht des Tages am andern fernen Ende ein Sehnsuchtsschimmer, etwas sehr Kostbares, umgeben von Schwärze. Eine Zeitlang schrieb er vor dem Tunneleingang noch seine Lichtbuch-staben in die Luft. Dann sog es ihn ins Dunkel. Wollte er etwas Besonderes erleben?

Bald flatterte er allein, selber als heller Schimmer im Dunkeln und spürte nur noch sich selbst, sein Leben. Die Einsamkeit war gross. Zwar hatte er einen Gefährten: die Luft. Auch das Gegenüber der Mauern und Felsen weis ihm den Weg. Es fragt sich, wie kräftig die Blumen hinter seinen Facettenaugen noch blühten. Vielleicht fühlte er nichts andres mehr als seine Schwingen. Müdigkeit ist immer das Ende.

Nein, er setzte sich an die Tunnelwand, trank einen Tropfen Wasser und segelte zum Lichtpunkt weiter, der immer grösser wurde, segelte, bis die Dunkelheit wich, segelte der Sonne entgegen.

 

aus DAS LICHT

... Dann war er auf den Lichtschein oben aufmerksam geworden. Nach einigen Gassen mit Töpferläden war er mit einmal auf einen grossen, terrassenartigen Platz gelangt. Schon sah er unter sich die Stadt. Den Platz schmückte ein Palast, der nicht beherrschte, sondern ihm schmeichelte, ihn gleichsam zu liebhaben schien. Vor ihm schwungvoll die Eingangstreppe. Er eile hinauf, und das Treppensteigen war wie ein Gesang. Er schaute durch die Scheiben der Eingangstüre. Die hölzernen Tore standen offen und zeigten eine Versammlung greiser Männer, Gelehrter, die disputierten. Darauf kehrte er sich um und gewahrte wieder den Schimmer über der Stadt, und es war ihm, als stehe dort oben hellumstrahlt ein zweiter Palast. Andererseits schien es ihm, es sei alles nur ein Gerüst aus Lichtern.

Er wollte es wissen, stieg die nächste Gasse steil hinauf, stieg und stieg und wusste nicht wie, hätte schon lange dort oben sein sollen und begegnete niemandem. Auf einmal trat er wieder auf denselben Platz. Er war lichtdurchflutet, und dort stand derselbe Palast, der den Platz davor ebenfalls in einem weissen, geisterartigen Licht erstrahlen liess.

Wieder eilte er die geschwungene Treppe hinauf. Es war wie Musik. Wieder gelangte er an die gläserne Pforte, sah die Gelehrten, trat nun aber ein. Die Männer blickten auf. Der Vorsitzende erhob sich, musterte und begrüsste ihn, und es kam ihm mit einmal vor, als stehe er vor einem Gericht.

Ob er, wenn er schon hierherkomme, seine Individualität abzulegen bereit sei, nicht mehr ein Ich, sondern nur noch Mensch sein wolle. – Wie er das verstehen solle? Der Vorsitzende erklärte, er habe vor vielen hundert Jahren einmal Platon geheissen, jetzt sei er einfach Mensch. Er sei hier auf die Ebene der reinen Ideen gelangt, und da falle jede Individualität weg. Aber das wäre der Tod, antwortete er. „Ich will nicht sterben, auch nicht für eine Idee. Ich bin Raimund Ferdinand Gaspar, Musiker und Sänger. Ich komponiere. Musik entsteht durch mich, aus mir.“ Die Männer lächelten. Vielleicht dachten sie, es sei umgekehrt.

Der Musiker dankte für die Auskunft, grüsste und hastete durch die Glastüre, die Treppe hinunter, hinunter, hinunter, bis er ganz unten war, in ein Kellergewölbe stolperte, seinen Wein trank und sich immer wieder die Augen rieb. Aber als er seine Herberge betrat und nochmals hinaufschaute, gewahrte er oben noch immer den Schimmer, aber wie durch Nebel.

 

FABULISTAN

(Märchen, nicht unbedingt alle für Kinder, denn abgesehen vom einfach Erzählten, lauern hier im Fabulierenden manchmal harte Realitäten, die nicht immer sofort erkennbar sind. Mit der Kaffeekanne eine Art Sach-Märchen, mit Prometheus ein Beispiel für die Variationen von Sagen.)

 

DIE KAFFEEKANNE

Es war einmal eine Kaffeekanne, die wollte ein Leuchtturm sein. Sie stand auf einem Tisch und nicht am Meer. Ihr roter Deckel leuchtete zwar in die Stube. Und vielleicht befand sich diese Stube in einem Leuchtturm. Doch wie konnte sie dies wissen? Wenn ihr Deckel-Knauf zum Fenster hinausschaute, sah er eine Wiese und darin einen gelangweilten Esel.

Kaffeekannen langweilen sich nie. Ihr Inhalt ist zu wichtig, sie sind allzeit bereit. Wichtige Aufgaben lassen nie Langeweile aufkommen. Die Wichtigkeit bestimmt man selber. Die Kaffeekanne fand es wichtig, eine Kaffeekanne zu sein, und zugleich fand sie es wichtig, ein Leuchtturm zu werden. Sie war ja schliesslich weiss und rot wie diese Meerestürme. Sie wusste auch, dass Kaffee für Leuchtturm-Wärter etwas sehr Wichtiges war. Sie argumentierte: In einem Leuchtturm hat es immer Kaffee. Aber was weiss eine Kaffeekanne über das Meer? So wenig wie ein Börsenmakler über das sauer verdiente Geld, ein Erziehungswissenschaftler über die Kinder, der Konzernleiter über das Schweissen, der Architekt über das Wohnen, der Kunstkritiker über die Kunst usw. Doch sie meldete: „Ich habe auch Flüssigkeit in mir wie das Meer; auf das Quantum kommt es gar nicht an.“ – Aber die Stürme? – „Die Menschen um mich herum. Übrigens, mein Henkel ist wie eine Welle, mein Ausguss wie der Schornstein eines Ozeandampfers, mein Leib wie ein Fisch.“

Tatsächlich, zufälligerweise stellte sie jemand auf ein Fensterbrett auf der andern Seite des Wohnraumes. Das Fenster war geöffnet. Und der rote Deckel der Kanne leuchtete nun über das Meer. Ein Fischer in einem Boot entdeckte ihn und steuerte nun sein Schiff ihm entgegen. Die Kaffeekanne als Leuchtturm wusste nicht, dass sie ihn doch vor den Klippen zwischen Meer und Festland warnen sollte. Und sie wusste nicht, dass jemand ihren Deckel, bevor der Fischer eintrat, öffnen und Blumen wie in einen Topf einstellen würde.

 

PROMETHEUS

Die Sage berichtete, die Götter hätten Prometheus streng bestraft, weil er von ihnen das Feuer für die Menschen gestohlen habe. Aber man prüfe, ob irgendwelcher Widerspruch um das zitierte Geschehen kreist. Bei der Überlieferung von König Oedipus zum Beispiel ist dies kaum möglich: Er sucht die Schuld überall bei den andern und findet sie bei sich selber. Punktum. Aber bei diesem Prometheus? Das dürfte sich, wie bei mancher Story, umgekehrt zugetragen haben. Kain und Abel: natürlich war der Abel schuld.

Also hatte Prometheus mit grosser List von den Göttern das Feuer gestohlen und auf die Erde gebracht. Es handelte sich um einen Funken, wohl um einen göttlichen mit Geistgehalt wie an Pfingsten bei den Aposteln. Doch dies nützte ihm leider gar nichts. Seine Tat hatte er vergebens eingefädelt und das Flämmchen in seinem Kienspan-Feuerzeug durch alle Gefährtnisse so sorgsam gehütet, denn die Men-schen kümmerten sich keinen Deut um seinen Funken. Die Götter, Zeus natürlich, hatten als Ablenkungsmanöver bei dem kostbaren Diebesgut durch den Blitz einen grossen Wald entzündet, der nun lichterloh bis zu den Wolken fackelte. Rudel von Rehen, Hirschen, Nashörnern und andres Getier retteten sich aus dem Flammen-gewoge, falls sie konnten und liefen den Jagdhorden in die Speerarme. Wer hatte in solchem Geschehen noch Aufmerksamkeit und Zeit, das lächerliche scheinende Flämmchen des Prometheus zu beachten?

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